|
Baudenkmal FHH

zum Vergrößern
Miniaturen bitte anklicken.
Laut nachfolgender Begründung ist das
Fritz-Henßler-Haus/Haus der Jugend seit dem 17.12.98 vorläufig unter Denkmalschutz
gestellt worden.
Vorläufige Unterschutzstellung gem. § 4 DSchG
Objekt.- Bornstraße 1 - Fritz-Henßler-Haus -,
44135 Dortmund
hier: Anlage zum Bescheid vom 17.12.98
Denkmalumfang:
Das gesamte Gebäude mit seinem Äußeren und
Inneren. Beim Inneren ist besonders auf die originale Raumaufteilung, die wandfeste
Ausstattung der 50er Jahre wie etwa Fußböden, Wandverkleidungen, Holz- und
Keramiktreppen mit Geländern, Türen, Fensterbänken, Schaukästen und das Wandmosaik und
Relieffenster im Eingangsbereich hervorzuheben. Dazu gehört auch die Ausstattung des
Saales mit Vertäfelung; Bestuhlung, Beleuchtung, Bühne, Filmleinwand und zwei
Vorführgeräte.
Neben dem Gebäude umfaßt der Denkmalumfang auch
die Gartenhofgestaltung. Hervorzuheben ist hierbei die blockartige Wasserskulptur
und die "Paulownia" der Grünbepflanzung. Der Bodenbelag und ein eingetieftes
Wasserbecken gehören in ihrer Struktur zum Denkmalumfang aber nicht in ihrer materiellen
Substanz. Ausgenommen vom Denkmalumfang ist das Podium.
Die "Turm-Plastik" von Helga
Waldhut-Bresau vor der Stirnwand des viergeschossigen Ostflügels.
Denkmalwertbegründung:
Das Fritz-Henßler-Haus liegt am Schwanenwall
zwischen Born- und Geschwister-SchollStraße an der Schnittstelle der Dortmunder
Innenstadt zur Nordstadt. Der Wall umgibt als Ringstraße die Innenstadt, seitdem im 19.
Jahrhundert die dort verlaufenden mittelalterlichen Stadtbefestigungen geschliffen wurden.
Auch nach den starken Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg behielt man die Straßenführung
im großen und ganzen bei. Verkehrstechnisch erhielt sie sogar stärkere Bedeutung, da sie
nun als vier- bis sechsspuriger Umgehungsring die City vom Durchgangsverkehr freihalten,
in einigen Teilen dazu Grüngürtel und Autoparkmöglichkeit sein sollte. Die Bornstraße
bekam ihren Rang dagegen erst nach dem Wiederaufbau der Stadt. Sie ist jetzt die große
Zubringerstraße, die vom Norden zur Innenstadt führt und dort in die nach dem Kriege neu
geschaffene wichtigste Nord-Süd-Achse der City einmündet, den inzwischen abschnittsweise
zur Fußgängerzone umgewidmeten Straßenzug Kuckelke/Kleppingstraße. Das Pendant zur
Kreuzung Schwanenwall/Bornstraße bildet im Süden das sogenannte Neutor, wo
Kleppingstraße, Süd-/Ostwall, Ruhrallee und Märkische Straße aufeinandertreffen.
Für das Fritz-Henßler-Haus als Haus der Jugend und
Haus der Bildung war und ist besonders wichtig der räumliche Bezug sowohl zur Innen- als
auch zur Nordstadt. Wie das im Krieg zerstörte, am 5. Mal 1929 eingeweihte kleinere
"Haus der Jugend" am selben Standort sollte es die Funktion einer zentralen
Institution erfüllen, die aus allen Stadtteilen gut zu erreichen ist. Während man aus
den anderen Stadtteilen zum Fritz-Henßler-Haus mit öffentlichen Verkehrsmitteln gelangen
kann, liegt es für die Bewohner der Nordstadt in einer Entfernung, die gut zu Fuß
zurückzulegen ist. Die soziale Struktur der Nordstadt, die einst in direktem räumlichen
Zusammenhang mit den dortigen Industrieansiedlungen im 19. Jahrhundert als dicht mit
Arbeitermiethäusern bebauter, relativ wenig durchgrünter und -belichteter Stadtteil
entstand, war nach dem 2. Weltkrieg - und ist es bis heute - von eher einkommensschwachen
Schichten bestimmt. Den Kindern und Jugendlichen dieser Bevölkerung ein Zentrum
anzubieten, war und ist auch heute noch ein besonderes Anliegen. Gerade der vor
1933 und
nach dem 2. Weltkrieg die Geschicke der Stadt in starkem Maße bestimmenden
Sozialdemokratischen Partei war es wichtig, der Jugend Möglichkeiten an die Hand zu
geben, sich in demokratischem Verhalten einzuüben, sich kulturell weiterzubilden und in
der Begegnung soziale Fähigkeiten zu erlernen. So richtete die Stadt Dortmund
1929 - vor
Leipzig und Frankfurt/Main - das erste kommunale "Haus der Jugend" Deutschlands
ein. Nach seiner Zerstörung im Krieg wurde deshalb recht bald der Wunsch geäußert,
Ersatz zu schaffen. Vor allem die im Stadtjugendring vertretenen Gruppen wünschten für
sich Räumlichkeiten. So wandten sich am 20.01.1950 Vertreter der Jugendgruppen an
Oberbürgermeister, Rat und Verwaltung mit dem dringenden Aufruf, daß es an Heimen und
Einrichtungen fehle, und zwar nicht nur für die "gefährdete", sondern gerade
auch für die "gesunde" Jugend. Auch die Sozialdemokratische Partei hatte
spätestens nach dem Berliner Kommunalwahlkampf von 1948 die Einrichtung von
Jugendhäusern in allen Städten in ihr Programm aufgenommen. Allerdings legten alle
Beteiligten Wert darauf, zunächst kleinere Freizeitheime in den einzelnen Stadtteilen zu
bauen, was auch geschah. Von insgesamt 16 für die Dortmunder Vororte geplanten Häusern
waren 1956 vor Einweihung des Fritz-Henßler-Hauses bereits zwölf den Nutzern übergeben.
Mit der Geschichte des Fritz-Henßler-Hauses verbinden sich einige bedeutsam Daten: Im
November 1955 war nach Beseitigung der Ruinentrümmer des vor dem 2. Weltkrieg kleinteilig
bebauten Gebietes und den ersten Ausschachtungsarbeiten das Projekt der Öffentlichkeit
präsentiert worden. Zum erstenmal hatte die Stadt, die an Planung und Bau durch
Dipl.-Ing. Gerlach vertreten war, mit dem Entwurf und der Durchführung einen privaten
Architekten bestellt: Fido Spröde, der, bevor er sich als selbständiger Architekt
niederließ, als Regierungsbaumeister gearbeitet hatte. In den Amtlichen Bekanntmachungen
der Stadt Dortmund vom 04.11.1955 wird dies damit begründet, "weil der Bau sowohl
Erwachsenen wie auch Jugendlichen dienen solle, besondere Anforderungen an eine
sinnvolle Gestaltung stelle." Diese Kombination von "Haus der Jugend" und
"Haus der Bildung" war - lange Zeit - nicht unumstritten. Schon bei Planung des
Raumprogramms, besonders aber bei der späteren Nutzung, traten immer wieder Konflikte auf
zwischen "Haus der Jugend"/Jugendpflege einerseits und den "erwachsenen
Bewohnern" (Volkshochschule, Rheinisch-Westfälisches Auslandsinstitut und
Stadtbildstelle). Auch die Öffentlichkeit fand es schwer, die zweifache Aufgabe zu sehen.
Je nach Bezug sprach man häufig entweder nur vom "Haus der Jugend" oder vom
Kulturhaus oder Haus der Bildung. Hinzu kam, daß der Landesjugendplan Beihilfen nur für
den Bau von Jugendheimen vorsah. Um für einen Mehrzweckbau Gelder erhalten zu können,
war neben eindeutigen Raumzuteilungen zusätzlich die Bildung eines Kuratoriums
vorgeschrieben, dessen Mitglieder zu mehr "als 50 % in der praktischen
Jugendpflegearbeit stehen sollen" (Verfügung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe
vom 29.12.1955 unter Bezug auf das Ministerialblatt NW 56 vom
16.06.1953, S. 753). In
Dortmund setzte sich das Kuratorium aus fünf Vertretern des Kulturamtes, zwei Vertretern
des Jugendamtes, dem dreiköpfigen Vorstand des Dortmunder Jugendrings sowie dem
Vorsitzenden des Jugendwohlfahrtsausschusses zusammen.
Am 14.12.1955 legte der damalige Oberbürgermeister
Dietrich Keuning im Rahmen einer Feierstunde, an der neben allen Ratsmitgliedern auch der
Oberstadtdirektor, Teile der Verwaltung sowie "führende Persönlichkeiten des
kulturellen Lebens und der Dortmunder Jugendverbände" teilnahmen, den Grundstein
für das neue Gebäude. Dieses Datum spielt eine besondere Rolle in der Dortmunder
Stadtgeschichte, tagte doch am 14.12.1945, also genau zehn
Jahre zuvor, die erste Ratsversammlung nach Diktatur
und Krieg. Diese wählte aus ihrer Mitte Fritz Henßler zum ersten
Nachkriegs-Oberbürgermeister. Ihm zum Gedenken und zu Ehren gaben die Ratsmitglieder in
einem einstimmigen Beschluß dem "Haus der Jugend, Haus der Bildung" dem Namen
Fritz-Henßler-Haus, um damit auch seinen Vorbildcharakter für die neue demokratische
Entwicklung deutlich zu machen.
Fritz Henßler, geboren am 12. April 1886 in
Altensteig/Württemberg, entstammte einer kinderreichen Arbeiterfamilie. Nach einer
Buchdruckerlehre zog er nach Westfalen, wo er sich der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung anschloß. Dort wurde er nach disziplinierter Weiterbildung
1911 Redakteur der Dortmunder
sozialdemokratischen Arbeiterzeitung, die er dann von 1919 bis zum Beginn der Nazidiktatur
als Chefredakteur leitete. Seine politische Karriere begann als Dortmunder Ratsmitglied
1924. Von 1925 bis 1933 war er Stadtverordnetenvorsteher, seit 1930
auch Mitglied des
Deutschen Reichstages. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verhaftete
ihn die Gestapo 193 6 wegen seiner politischen Überzeugungen. Die nächsten neun Jahre
erlitt er Willkürherrschaft, Zwangsarbeit und Folter in Gestapo-Gefängnissen und
Konzentrationslagern. Nach seiner Rückkehr im Sommer 1945 nach Dortmund begann er sofort
wieder mit der Gewerkschaftsarbeit. Von Anfang an war er auch Mitglied des Stadtparlaments
und der erste Oberbürgermeister Dortmunds. Später zog er als Mitglied sowohl in den
Landtag von Nordrhein-Westfalen als auch in den Deutschen Bundestag ein. Trotz des in der
Vergangenheit erlittenen Unrechts strebte er nach Ausgleich und Verstehen des politischen
Gegners. Besonderes Augenmerk legte er auf die demokratische Erziehung der Jugend, die er
zu Loyalität und Toleranz fuhren wollte. Deshalb war er bis zu seinem - wohl auch durch
die Folgen der KZ-Haft bedingten - Tode am 4. Dezember 1953 einer der eifrigsten Förderer
des später nach ihm benannten Hauses.
In der in den Grundstein eingemauerten Urkunde
heißt es, das Fritz-Henßler-Haus werde alle Einrichtungen, die der geistig-sittlichen
Jugendpflege zugute kommen sowie alle Institute und Vereinigungen, die der allgemeinen und
freien Erwachsenenbildung dienen, aufnehmen. Die Urkunde schließt mit dem Gruß
"Glück aufl ", der 1955 für Dortmund noch praktische Bedeutung hatte, da noch
mehrere große Zechen in den Grenzen der Stadt arbeiteten und hier 10 % der gesamten
Ruhrkohleförderung abgebaut wurden.
Einen weiteren Höhepunkt bildete die feierliche
Einweihung am 25.10.1956. Auch hier wurde noch einmal bewußt an die Vergangenheit
angeknüpft. So überreichten die Architekten Fido Spröde und Dietrich Gerlach
Oberbürgermeister Keuning nicht irgendeinen neuen Schlüssel, sondern den des alten
"Hauses der Jugend", um damit die Tradition, in der das Fritz-Henßler-Haus
steht" zu verdeutlichen. Oberbürgermeister Keuning betonte in seiner Ansprache vor
großem Publikum, u.a. vor der Witwe Fritz Henßlers und dem nordrhein-westfälischen
Minister für Arbeit und Soziales, noch einmal, daß dieses Haus als ein Denkmal für
diesen Kämpfer für eine soziale rechtsstaatliche Ordnung auf demokratischer Basis
errichtet worden sei. Seinem Vermächtnis und auch dem der Geschwister Hans und Sophie
Scholl, zu deren Ehren seit 1956 die am Fritz-Henßler-Haus vorbeiführende
Holzhoffstraße den Namen Geschwister-Scholl-Straße trägt, solle das Fritz-Henßler-Haus
dienen, da es als Stätte der Begegnung zwischen Jugendlichen, aber auch zwischen
Jüngeren und Älteren gedacht sei. Deshalb sei dieses Haus gebaut worden, noch ehe alle
dringend benötigten Wohnungen und Schulen fertiggestellt seien. Zur Frage der Architektur
betonte er, daß sie vielleicht Anlaß zu Diskussionen gäbe, aber sie entwickele die
"Formen unserer Zeit", brächte das Wollen der Gegenwart zum Ausdruck.
Ein Blick auf den Grundriß zeigt, daß Fido
Spröde, der wohl hauptsächlich f'ür Idee und Entwurf verantwortlich zeigte, einen
Vierflügelbau entwickelte, dessen Westbau leicht über die Fluchtlinien des Süd- bzw.
Nordflügels hinausragt. Eine erste Asymmetrie im Grundriß bildet dagegen der zum
Schwanenwall deutlich die Grundlinien des Karrees überschreitende Ostbau. Der Baugedanke
der 1950er Jahre - weg von Regelmäßigkeit und strengem Aufbau zu verspielter
unregelmäßiger Geometrie und zu eher organisch geprägten Formen - zeigt sich im
Grundriß des Anbaus für Saal mit Bühne und Lesesaal. Diese beiden großen Raumkomplexe,
mit dem Vierflügelbau durch die Eingangshalle des ".Hauses der Jugend"
verbunden, sind schräg versetzt im Winkel zueinander geordnet, so daß die gemeinsame
Vorhalle auf unregelmäßiger Trapezform gründet. Aber erst im Aufbau wird das ganze
Formenvokabular dieser Architektur greifbar deutlich, die im Fritz-Henßler-Haus zum
erstenmal Ausdruck in einem Großgebäude der Innenstadt Dortmunds fand: Die
unterschiedlichen Geschoßhöhen der einzelnen Gebäudetrakte vermitteln ebenso wie die
kontrastreiche Gestaltung der Wände das Flair von Experimentierfreude, Leichtigkeit und
Eleganz, mit dem man sich bewußt gegen andersartige Architektur, die sich mehr der
Tradition verpflichtet fühlte, absetzte. In Glas aufgelöste Wände kontrastieren zu
solchen, die kleine oder größere Fensteröffnungen haben. Stahlbetonskelett-Bauweise
wechselt sich ab mit gemauerten Wänden. Dem Schwanenwall zugewandt gibt es am Ostbau eine
mit Natursteinplatten verkleidete Wand, für deren Wirkung die von Helga Wendhut-Bresan im
Rahmen des Programms Kunst am Bau geschaffene Skulptur aus spitzwinkligen Formen auf
dünnen Stelzen bedeutsam ist. Besonders bei Südsonne ergibt sich ein lebendiges Spiel
von Licht und Schatten. Der Stirn des Westbaus ist zur Straßenkreuzung hin eine
geschlossene Fassade aus Naturstein mit sichtbaren Bruchkanten vorgesetzt, die aber durch
schräg abfallende Linien einen eher mobilen Eindruck erhält. Verstärkt wird dies durch
eines der "schwebenden Dächer", eine frei herausgezogene Stahlbetonkragplatte,
für die die Architektur der 1950er Jahre berühmt sind. Daneben gibt es gelb verklinkerte
Wände, die von einem dezenten quadratischen Raster aus blauen Keramikplatten überzogen
sind, einheitlich blau mit weißen Fugen geflieste Balkons und Wandflächen sowie die in
verschienen Blautönen mosaikartig verkleidete Wand an der Bornstraße mit gelbem
Rautenmuster. Glatte Fassaden, deren eher graphischer als plastischer Aufbau noch durch
den Einbau moderner Metallfenster ohne Fensterbank gestärkt wird, setzen Kontrapunkte zu
scheinbar aus der Wand nach oben "herauskippenden" Elementen wie beispielsweise
beim Lesesaal (jetzt Café). Dachabschlüsse in der Fluchtlinie konkurrieren mit weit
herausragenden, dünnen', "fliegenden" Dächern oder dem gewölbten Dach über
dem Bühnentrakt und dem innenarchitektonisch bedingten Schrägdach über der Bücherei.
Die Dachterrasse mit Zick-Zack-Geländer auf dem Nordbau schützt zur Hälfte ein für die
1950er typisches Dach auf dünnen Stahlstützen mit kreisrunden Ausschnitten. Vom ersten
Stockwerk des Südbaus gelangt man über einen auf einer Pilzsäule ruhenden Balkon in
runden, organischen Formen und eine frei schwingende Treppe in den Innenhof, der von
Anfang an zur aktiven Nutzung vorgesehen war und über mehrere Zugänge aus den
umliegenden Flügeln betreten werden kann. Hier werden in besonderer Weise die Raumgrenzen
zwischen Innen und Außen überspielt, wobei auch die großflächige, beinahe
Vollverglasung des Süd- und Nordflügels eine bedeutende Rolle spielt. Diese Elemente des
organischen Bauens werden bei der Innenhofgestaltung mit eingetieftem Wasserbecken,
Brunnen- und Wasserskulpturen sowie der Gruppierung von teils immergrünen, teils
laubabwerfenden Baum- und Strauchbewuchs.
Im Innern setzt sich dieses Spiel von Formen, Farben
und Material fort. Die Gänge und Flure verklinkerten die Architekten in unterschiedlichen
Farbkombinationen und -schattierungen, die Böden ließen sie mit Kunststeinen - in den
repräsentativen Bereichen in unterschiedlicher Größe und Form - auslegen. In anderen
Verkehrsbereichen verwendete man Holzlamellenverkleidungen und farbige PVC-Böden. Die
aufgrund der verschiedenen Funktionen als Haus der Jugend und als Haus der Bildung
besonders vorgesehenen Trennungen der Räumlichkeiten sind transparent: verschließbare -
aber eben auch zu öffnende - Glastüren mit Stahlrahmung setzen aufhebbare Grenzen. Die
"geringelten" Türgriffe sind ebenso zeittypisch wie die leichten
Treppengeländer aus Metall mit Mipolam-Handlauf Repräsentativ gestaltet hatte die
Eingangshalle zwischen dem Haus der Jugend und Bühnensaal/Lesesaal Prof. August Schwarz
aus Berlin mit einem Mosaik, das Stationen aus dem Leben Fritz Henßlers zeigt.
Spitzwinklige Stahlrahmen und Reliefs betonen und verzieren die großen Glasflächen. Die
Hörräume, Säle und der Zuschauersaal der Bühne sind zum Teil mit Holz vertäfelt, oft
in der für die 1950er Jahre typischen Lamellenform. Schräg nach oben vorkragende in die
Wände integrierte Vitrinen geben die Möglichkeit zur Ausstellung. Mit buntem Mosaik
verkleidete Rundpfeiler prägen das Aussehen der Vorhalle zum Bühnensaal.
Diese durch die Architektur evozierte Atmosphäre
von Leichtigkeit und Transparenz entsprach besonders gut den Zielrichtungen, die die
Politik mit der Errichtung des Fritz-Henßler-Hauses verfolgte: eine Stätte zu schaffen,
wo sich organisierte und nicht-organisierte Jugendliche untereinander, aber auch mit den
dort sich fort- und weiterbildenden Erwachsenen begegnen konnten, einen kulturellen Punkt
in der Stadt einzurichten, wo nicht im Sinne von Schule gelernt wird, sondern die
"schöpferische Leistung" neben dem Einüben demokratischer Regeln durch das
Miteinander im Vordergrund steht.
Dem entspricht auch das Raumprogramm, das die
Architekten in Zusammenarbeit mit Trägem (Kultur-, Jugendamt) und Nutzern (Dortmunder
Jugendring) erarbeiteten: Ein wichtiges Element bildete der Veranstaltungssaal mit 306
Plätzen, u.a. für die Inszenierung eigener Theaterstücke, aber auch für
Filmvorführungen gedacht. Fachleute loben noch heute seine Akustik, "die beste
Dortmunds". Zusätzlich gab es in diesem Trakt u.a. Garderoben- und
Bühnennebenräume sowie die Bücherei der Jugend mit Lesesaal und Magazin- und
Nebenräumen, in der sich jetzt ein Jugendcafe befindet. Weiterhin verfügte das
"Haus der Jugend", das zu Beginn nicht als Haus der offenen Tür im üblichen
Sinne fungierte, sondern von fast 150 Jugendorganisationen und für Veranstaltungen der
städtischen Jugendpflege und der Jugendmusikschule genutzt wurde, Werkräume für Holz,
Metall, Nähen und Zuschneiden, Weben, Keramik, Foto, Elektrobasteln und Bildhauerei, dazu
Räume für Tischtennis, Gymnastik und ein Tonstudio, Aufbewahrungsraum für Zelte, Skier
usw. sowie eine Anzahl von Heim- und Spielräumen und ein Musikzimmer. Vortragssaal und
Gartensaal waren für die gemeinsame Nutzung durch das "Haus der Jugend" und die
Träger der Erwachsenenbildung vorgesehen. Für die Stadtbildstelle gab es u.a. über eine
Dunkelkammer, Vorführ- und Aufbewahrungsräume. Verschiedene kleinere und größere Hör-
und Unterrichtsräume dienten der Volkshochschule. Das Auslandsinstitut nutzte neben einer
Reihe von Hörsälen auch Clubräume. Allen Benutzern waren Büros, Teeküchen, sanitäre
Einrichtungen in erforderlicher Größe eingerichtet.
Das Fritz-Henßler-Haus, dessen endgültige Bausumme
bei der Endabrechnung am 13.01.1960 rd. 4 Millionen DM betrug - nur 52.000 DM über den
geplanten Mitteln, und 3,6 Millionen DM von der Stadt Dortmund selbst fianziert -
avancierte bald nach der Aufnahme seiner Bestimmung zu einem Musterbeispiel für andere
Gemeinden. In den Unterlagen des Jugendamtes befinden sich Anfragen u.a. aus den Städten
Saarbrücken, Berlin-Zehlendorf, Gelsenkirchen, Schwelm, Lünen, dem Landkreis Unna und
der Stichting Ruimte voor de jeugd, Rotterdam, die eventuellen Vorbildcharakter des
Fritz-Henßler-Hauses für Neueinrichtungen in ihren Mauern sahen.
Das "in seiner Gestaltung eigenwillige und in
seinen Wirkungsmöglichkeiten einmalige Bauwerk [wurde] zum repräsentativen und zeitnahen
Bildungszentrum Dortmunds" (Rundschau für Dortmund, 25./26.10.1958). Seine Bedeutung
für die Geschichte der Menschen in Dortmund liegt darin, daß es zum einen die
wirtschaftliche Kraft und den Willen der Stadt zum Wiederaufbau in den 1950er Jahren
verdeutlicht. Zum anderen bezeugt es eine demokratische Tradition der ehemaligen
Arbeiterstadt, die in den 1920er Jahren mit Einrichtungen wie dem Volkspark und dem Haus
der Jugend einsetzt und nach den Jahren der NS-Diktatur wieder aufgenommen wird: Den hart
arbeitenden Menschen sollten in ihrer Freizeit Möglichkeiten zu Ausgleich, Erholung und
Bildung bereitgestellt werden. So besaß Dortmund Mitte der 1950er neben dem
Fritz-Henßler-Haus und einer Reihe von Jugendfreizeitheimen in den Vororten bereits
wieder bedeutende Sportanlagen und die größte Volksbücherei Mitteleuropas. Trotz immer
noch fehlender Wohnungen in der stark kriegszerstörten Stadt maß man dem Bau dieses
Jugend- und Bildungszentrums Priorität bei. Die Offenheit der Stadt Dortmund für diese
Aufgaben spiegelt sich eindrucksvoll in der Architektur wider.
Die Erhaltung und Nutzung des Fritz-Henßler-Hauses
begründet sich zum einen in architekturhistorischer Sicht. Es bildet den ersten - und
neben dem 1956 - 1959 errichteten Gesundheitsamt - heute einzigen großen Gebäudekomplex
in der Dortmunder Innenstadt jener Stilrichtung der 1950er Jahre, die sich auszeichnet
durch Form- und Materialvielfalt, farbliche und geometrische Kontraste, Asymmetrie sowie
Einbeziehung des Außenraumes und mit Leitmotiven wie dünnen Stelzen, e t schwebenden
Dächern" und schräg fallenden Mauerkanten arbeitet. Hinzu kommt die Verwendung
seriell vorgefertigter Elemente wie Metallfenster und Stahlglastüren. Mit dem
Fritz-Henßler-Haus, das durch die Überspielung der Raumgrenzen durch großflächige
Verglasung, die Einbeziehung des Innenhofs in das Raumnutzungsgefüge und Details wie dem
geschwungenen Balkon auf einer Pilzsäule Elemente des in den baukünstlerischen Ideen
der1950er Jahre eine große Rolle spielenden organischen Bauens verdeutlicht, entstand ein
künstlerisch anspruchsvolles Objekt, das auch dem Laien auf einen Blick sinnfällig
erfahrbar diesen Baugedanken vermitteln kann, der in dem deutlichen Versuch gründet, eine
Gegenwelt zur Starre, Massigkeit und strengen Symmetrie der offiziellen Architektur des
"Dritten Reiches" zu schaffen.
Die Gartenhofgestaltung in ihrer Kombination von
Architektur bzw. Plastik (eingetieftes Wasserbecken, Brunnen-, Wasserskulptur) und
lebendem Bewuchs (immergrüner und laubabwerfender Baum- und Strauchbewuchs, u.a. eine in
die Liste schützenswerter Bäume eingetragene Paulownia von beträchtlicher Größe und
individuellem Wuchs) besitzt künstlerische Qualität.
Der Komplex bildet zweifelsohne ein bedeutendes Werk
im noch nicht inventarisierten und erforschten Oeuvre des Architekten Fido Spröde, der
vor allem für die Gestaltung verantwortlich zeichnete. Mit seiner Beauftragung wagte die
Stadt Dortmund zum erstenmal die Zusammenarbeit mit einem privaten Architekten, "zur
Probe" wie der damalige Oberstadtdirektor der Presse mitteilte. Der geglückte
Versuch entwickelte sich zu einer bis heute geübten Praxis.
Kulturgeschichtliche Bedeutung kommt der Tatsache
zu, daß hier nicht ein reines Haus der Jugend oder eines der Bildung errichtet wurde,
sondern eine Kombination, die den demokratischen Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen
fördern sollte. Der auch bestehende Wunsch nach Selbstkonzentration, der teilweise auch
vorgeschrieben war, zum Beispiel durch den Landesjugendplan, wird im Innern des Gebäudes
greifbar deutlich durch die mögliche Verschließung von Glastüren zwischen den
Nutzungsbereichen.
Die offene und farbenfrohe Architektur dokumentiert
auch den jugend- und bildungspolitischen Gedanken, von dem die Einrichtung geprägt wurde
und wird. Sie ist Ausdruck für freiwilliges, spielerisches Lernen von Erwachsenen und
Jugendlichen, abseits der Zwänge von Beruf und Schule.
Zugleich ist der Gebäudekomplex auch ein
geschichtliches Erinnerungsmal, das ausdrücklich dem Gedenken an den ersten
Nachkriegs-Oberbürgermeister Fritz Henßler als Denkmal gewidmet wurde. Mit der
Umbenennung der Holzhoffstraße in Geschwister-Scholl-Straße, die in unmittelbarem
Zusammenhang mit dem Bau des Fritz-Henßler-Hauses steht, wird augenfällig, auf welche
Tradition sich die Stadt in ihrer künftigen Entwicklung beziehen will: zum einen auf die
Weimarer Republik, in der Fritz Henßler als Sozialdemokrat politisch aktiv war, zum
anderen auf den Widerstand gegen die nationalsozialistische Willkürherrschaft, in dem
sich sowohl die Geschwister Scholl als auch Henßler ausgezeichnet hatten.
Zu diesen wissenschaftlichen Gründen für die
Erhaltung des Objekts treten städtebauliche hinzu. Das Gebäude liegt an der nach dem
Planungskonzept des Wiederaufbaus wichtigsten Straßenkreuzung der Innenstadt nach der
Neutor-Kreuzung am südlichen Wall. Am Fritz-Henßler-Haus trifft als Pendant dazu die
damals bedeutendste Nord-Süd-Achse der Innenstadt auf den historisch und
verkehrstechnisch signifikanten Wall. Durch den Krieg war bis auf einen geringen Rest die
ehemals kleinteilige Bebauung verschwunden. Der Baugrund diente zunächst als Grünanlage.
Nach den Planungsrichtlinien, die hier eine Verbreiterung der Straßen auf 32 m vorsahen,
sollte hier eine von Großzügigkeit geprägte Stadtlandschaft entstehen. Der Architekt
Fido Spröde hat die damit verbundenen städtebauliche Herausforderung angenommen.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Stirnseite des Westtrakts, die sich als fast
geschlossene Natursteinwand quasi dem auf sie zurollenden Verkehr der Nord-Süd-Achse
entgegenstellt.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das
Fritz-Henßler-Haus sowohl in baugeschichtlicher als auch architektonischer Hinsicht ein
bedeutender Zeuge der 1950er Jahre in der Dortmunder Innenstadt ist, prägend für das
Stadtbild und nutzens- und erhaltenswert aus mannigfaltigen Gründen.
Gesteigert wird der Denkmalwert durch die noch
reichhaltig vorhandenen Details der Innenausstattung, von Lampenschirmen über
Wandverkleidungen bis zu Türgriffen, von der Saalbestuhlung über die Bühnenausstattung
und zwei Filmvorführgeräten aus der Erbauungszeit bis zu Originalheizkörpem und
-schaukästen. Sie dokumentieren in Form, Farbe und Material Gestaltungsgrundsätze und
Design der 1950er Jahre.
gez.
Hofmeister
Ltd.-Städt. Baudirektor
|